Aus groß mach klein oder Ich baue mir eine Reisegitarre

Auf Pinterest teilen per E-Mail teilen IC-send-mail Drucken IC-print-circle
  • Schwierigkeit
    schwer
  • Kosten
    100 €
  • Dauer
    Mehr als 4 Tage
  • Wertung

Ich habe noch ein bereits Ende 2017 abgeschlossenes Projekt, welches ich euch gern präsentieren möchte:

Hin und wieder spiele ich E-Gitarre, wenn es meine Zeit mal zulässt. Leider ist die Zeit dafür allerdings sehr, sehr knapp, sodass ich manchmal über Tage oder gar Wochen nicht zum Spielen komme. Wenn ich dann auch noch in fremden Betten schlafe (also auf Geschäftsreise bin), dann ist mein Leid noch größer. Abends habe ich dann im Hotel oftmals Zeit, die ich dann einfach nur tatenlos absitze oder vor dem Fernseher versauere. Genau in dieser Zeit könnte ich meine Klampfe zur Hand nehmen und ein bisschen üben. Die große Gitarre aber immer im Schlepptau zu haben, ist sehr mühselig.

Meine Überlegung war nun, dass eine kleinere E-Reisegitarre her muss. Mein finanzielles Budget wollte ich aber nicht oder nur gering stapazieren, da sie ja nur Mittel zum Zweck sein soll. Ich beschäftigte mich ein bisschen mit der Materie und stellte fest, dass die kleinen Gitarren durchaus ihren Preis haben, den ich aber nicht bezahlen wollte. Grundsätzlich bestehen zwei Möglichkeiten einer Reisegitarre:

  • Kleinere Mensur: Die Mensur ist der Abstand zwischen Steg und Bridge. Den kann man durchaus verkleinern, dementsprechend verringert sich aber auch der Abstand zwischen den Bünden. Dies kann durchaus eine Umgewöhnung von der großen Gitarre sein, weil man dann anders greifen muss. Außerdem kann es dann mit den Fingern auf dem Griffbrett eng werden, besonders in den höheren Bünden.
  • Headless-Gitarre: Die zweite Möglichkeit ist eine kopflose Gitarre, also eine Headless-Gitarre. Dabei werden die Stimmmechaniken vom Kopf in den Korpus verlagert, wodurch man recht viel Platz einsparen kann. Die Saiten werden dann nicht mehr von unten nach oben, sondern von oben nach unten aufgezogen. Vorteil dieser Variante ist, dass die Mensur eine Standardgröße (sofern man das so sagen kann...) haben kann, die Gitarre aber trotzdem kleinere Abmaße besitzt.

Zwischen diesen beiden Möglichkeiten musste ich mich entscheiden. Da ich für mich die kleinere Mensur von Anfang sehr schnell ausschließen konnte, fiel die Wahl auf die Headless-Variante. Eine passende, die ich gefunden habe, ist die GT-Pro Deluxe von Steinberger Guitars, die aber mit damals knapp 350€ mein Budget weit gesprengt hätte. Gebraucht wird sie auch hin und wieder mal angeboten, bewegt sich dann aber meist immer noch bei über 200€. Nun kommt mein Projekt ins Spiel. Später habe ich bei Amazon noch andere Gitarren gesehen, welche um die 200€ sind. Warum ich die nicht gefunden hatte, weiß ich nicht. Habe ich wohl falsch gesucht...).

So ist mein Vorhaben entstanden, unter dem Vorbild der GT-Pro Deluxe eine normale Gitarre in eine Reisegitarre umzubauen, was ich nun hier gern präsentieren möchte.

Du brauchst

Icon my-product Icon--my-product-black-48x48
Werkzeuge
  • Akku-Bohrschrauber
  • Stichsäge
  • Schraubendreher
  • Schraubstock
  • Säge mit verschiedenen Sägeblattstärken
  • Fuchsschwanz
Icon confirmation Icon--confirmation-black-48x48
Materialliste
  • 1 x alte Gitarre
  • 1 x Kleinteile | OSB-Platte, Metallplättchen, Schrauben etc.
  • 1 x Satz neue Saiten
  • 1 x Sprühlack

Los geht's - Schritt für Schritt

1 16

Weitere Projekteinleitung, weil im Haupttext nur 3000 Zeichen erlaubt sind

Bitte habt Verständnis, dass dies mein erstes Projekt dieser Art ist und ich weder ein Fachmann in Sachen Gitarrenbau noch in Sachen Fachbegriffen etc. bin. Demzufolge nehmt mich bitte nicht zu sehr auseinander, wenn ich etwas nicht fachgerecht bezeichnet oder irgendwas „falsch“ gebaut haben sollte. Alle, die ich gefragt habe, haben mir von diesem Vorhaben abgeraten, aber ich wollte es trotzdem einfach mal probieren. Sehr gern dürft Ihr mich aber auch verbessern, wenn etwas besser und einfacher gemacht werden könnte. Vielleicht komme ich ja mal wieder auf eine ähnliche Idee, da kann ich Tipps sehr gut gebrauchen.

Teilweise musste ich im Rahmen der Umsetzung noch Erfahrungen sammeln, sodass ich durch dieses Projekt auf jeden Fall auch schlauer geworden bin. Aber dazu im Text mehr.

2 16

Zuerst muss eine normale Gitarre her

Das ist das gute Stück, welches darauf wartet, zersägt zu werden...

Um eine Gitarre umzubauen, benötige ich natürlich... Na? Wer kommt drauf? Na klar: ... eine Gitarre. Diese habe ich mir für 40€ in einem Online-Flohmarkt gekauft.

Gleich beim ersten Ausprobieren stellte ich fest, dass das Ding nicht viel Wert ist. Aber genau nach sowas habe ich ja gesucht, also alles in Ordnung.

3 16

Planung der neuen Saitenbefestigung

Bridge mit Stimmschrauben
Kopf mit Sattel

Nun machte ich mir Gedanken, wie ich die Saitenbefestigung und die Stimmmechaniken gestalte und überlegte mir, eine Technik nach dem Vorbild der Traveler EG-1 von Traveler Guitars zu bauen. Vielleicht hätte man damit die Stimmschrauben der alten Gitarre einfach wiederverwenden können. Die erste Herausforderung war dabei schon mal, passende Umlenkrollen zu finden, welche dem Druck der Saiten nicht nachgeben. Als ich dann auf der Suche nach einer neuen Bridge war, bin ich auf etwas ganz Anderes gestoßen. Es gibt direkt fertige Bridge-Sets für Headless-Gitarren, bei denen die Stimmschrauben bereits in der Bridge eingebaut sind. Für knapp 50€ habe ich mir solch ein Set dann bei Ali Express bestellt. Damit war das Thema Umlenkrollen erledigt.

4 16

Maße vergleichen

Einkerbungen am Sattel
beim dritten Bund würde es passen
Abstände an der Bridge

Als die Bridge dann ankam, hieß es Maß nehmen. Angefangen habe ich bei den Saitenabständen am Sattel und wurde sogleich enttäuscht. Die Kerbungen für die Saiten entsprachen nicht der Abstände an der Gitarre.

Hier muss ich mir also was einfallen lassen. Die Abstände an der Bridge stimmten, was mir wichtiger war.

5 16

Abstände von Bridge und Sattel von den Bünden

Abstand Sattel zum ersten Bund
Abstand Bridge zum letzten Bund
Abstand der Saiten am Sattel

Dann noch die Abstände zwischen erstem Bund und Sattel sowie zwischen letztem Bund und Bridge nehmen und notieren.

6 16

Auseinanderbauen der Gitarre

Nun folgt schließlich das Auseinanderbauen der Gitarre. Also Tonabnehmer etc. raus, Saiten ab und Bridge ab (hatte ich teilweise bereits vor dem Messen gemacht)

7 16

Saitenabstände am neuen Sattel

Nun den alten Sattel raus und Abstände der Einkerbungen auf die umgedrehte Metallplatte des neuen Kopf-Elementes übertragen.

Mit sanften seitlichen Schlägen lässt sich der alte Sattel entfernen.

8 16

Einkerbungen in den neuen Sattel

Ausbau des Sattelbleches
Sägen mit unterschiedlich breiten Sägeblättern, je nach Saitenstärke
Fertig gesägt

Das Sattelblech geht herauszunehmen und umzudrehen. Das einzige Problemchen ist dabei, dass man es anschließend nicht mehr verschrauben kann, weil die Saiten über den Löchern liegen. Damit lässt sich der Sattel nicht mehr in der Höhe verstellen, was sogar möglich gewesen wäre. Für das Sägen der Kerben habe ich mir extra eine Säge mit schmalen Sägeblättern besorgt, damit die Saiten sicher gehalten werden und nicht hin und her rutschen können.

9 16

Abtrennen des alten Gitarrenkopfes

Neues Maß für den Sattel
Ab mit dem Kopf
Gitarrenhals ohne Kopf
Ein bisschen glatt feilen

Und vom nächsten Schritt an gibt es kein zurück mehr: Die Kopflatte muss ab. Dazu habe ich Maß genommen und an entsprechender Stelle abgesägt. Zu beachten gab es dabei, dass das Sattelblech nun nach dem umdrehen schräg ist und somit sich das Maß zwischen Sattel und erstem Bund ändert. Dies musste an dieser Stelle berücksichtigt werden.
Schließlich die Sägekante noch ein bisschen glatt feilen. Außerdem musste noch die obere Seite der alten Sattelhalterung ab.

Natürlich hatte ich etwas zu viel abgesägt, sodass ich beim Aufschrauben des neuen Sattels Unterlegscheiben drunter legen musste. Davon hatte ich leider kein Foto gemacht.

10 16

Planung für die Befestigung der neuen Bridge

Position der Schraublöcher
zugeschnittenes Blech aus einem alten HDD-Einbaurahmen
OSB-Platte
Eingesetzte OSB-Platten
Aufgeschraubte Bleche

Beim Einbau der neuen Bridge waren die Schraublöcher dieser genau an der Stelle, wo im Body das große Loch für die Spannplatte drin war.

Ich habe mir OSB-Plättchen zurecht gesägt und diese in die Öffnung geklemmt. Darauf habe ich Bleche (aus einem alten HDD-Einbaurahmen) zurechtgesägt, die ich dann mit dem Body verschraubt habe. Dann die Bridge drauf und es schien alles gut zu funktionieren.

11 16

Test: Aufziehen einer Saite mit Hindernissen

Wieder ein OSB-Plättchen entfernt
Aufgeschraubte Bridge mit zwei aufgezogenen Saiten
Aufgezogene Saiten

Testweise habe ich die beiden E-Saiten aufgezogen und habe dabei festgestellt, warum unter der Bridge so eine große Öffnung im Body ist. Die Saiten müssen beim Aufziehen natürlich durchgezogen werden können. Glücklicherweise habe ich zum Ausfüllen zwei OSB-Brettchen verwendet, sodass ich eines raus nehmen konnte.

Durch die Fixierung des zweiten Blättchens mit den Blechen konnte ich das nun ganz einfach raus nehmen, ohne dass etwas kaputt geht. Ich war durchaus überrascht, dass es für meine Verhältnisse recht einfach funktioniert hatte, wenn auch ein bisschen Glück dabei war.

12 16

Der Body

Lackieren der gesägten Gitarre
Der fertige Korpus

Nun also an den Body. Ich habe ohne groß darüber nachzudenken gesägt, weil die Gitarre ja kein Schmuckstück werden sollte, sondern nur Mittel zum Zweck. Unten habe ich mehr dran gelassen, damit ich die Gitarre beim Spielen auf den Schoß legen kann. Leider habe ich die kleine Ecke am Hals-Anfang ebenfalls komplett mit weggesägt. Diese wäre für die stabile Lage auf dem Bein ebenfalls hilfreich gewesen. Nun muss das halt ein Gurt richten. Die Sägestellen habe ich dann mit schwarzen Sprühlack behandelt. Das ersetzt zwar keine fachmännische Lackierung, für meine Zwecke reicht das aber.

13 16

Elektonik rein und Saiten drauf

Noch nicht verkleidete Rückseite

Nun musste nur noch die Elektronik wieder sein, was aber kein Problem war, da ich ja alle Anschlüsse zusammen gelassen habe.

Voller Vorfreude habe ich dann alle Saiten aufgezogen und konnte sogar schon ein bisschen darauf spielen.

14 16

Der Schock wenig später

Die Bridge gibt nach
Zur Erinnerung: Die Federn auf der Rückseite

Diese Freude währte allerdings nur kurz, bis ich gesehen habe, dass die Bridge nachgibt.

Also die Saiten wieder runter und Gedanken gemacht. Jedenfalls weiß ich jetzt, warum normalerweise die Bridge nicht einfach auf dem Body angeschraubt wird und was die Federn auf der Rückseite für eine Funktion haben.

15 16

Stabilisierung der Bridge mit Restern

Alte Saitenführungen (oder wie die Dinger auch heißen mögen...). Oben liegt bereits eine fertige Mutter
Herstellen der Muttern
Fertig fixierte Bridge

Die neue Bridge habe ich noch komplett mit einem zusätzlichen Blech unterfüttert, was vorher nicht der Fall war. Außerdem hat die neue Bridge hinten Schraublöcher. Ich habe gesehen, dass das Blech von der alten Bridge die Löcher genau im gleichen Abstand hat und die Höhe der Löcher glücklicherweise ebenfalls perfekt passen, sodass ich dieses gleich genommen und angepasst habe. Die alten Saitenführungen konnte ich zersägen und Muttern daraus machen.

Die Stellschrauben der Saitenführungen habe ich mit diesen zurechtgesägten Muttern an dem Blech der alten Bridge befestigt. Diese Konstruktion habe ich nun hinter die Bridge angeschraubt, sodass die rausragenden Stellschrauben in die Schraublöcher der neuen Bridge greifen. Dadurch wird verhindert, dass die Spannung der Saiten die Bridge vom Body runter zieht.
Mit dieser Modifikation hält meine Bridge nun auch mit aufgezogenen Saiten. Optisch finde ich das auch gar nicht mal so doof. Nun hält die Bridge der Zugspannung stand und die Saiten konnten wieder aufgezogen werden.

16 16

Nun aber wirklich fertig

So sieht das gute Stück aus
... und so im Reisemodus :-)
Vor dem Projekt
Nach dem Projekt
Direktvergleich Vorher/Nachher

Nun noch Security-Locks drangeschraubt, weil ich sie da hatte und ich brauche nur noch einen Gurt und das Werk ist vollendet.

Die Saiten sind nicht ganz bundrein. Einigermaßen lassen sich diese aber richten. Lediglich bei der tiefen E-Saite scheint es leider nicht so ganz zu funktionieren. Dennoch bin ich nun im Besitz einer Selbstbau-Reisegitarre, welche sich ganz gut spielen lässt. Lediglich die Höhe der Saiten finde ich zu viel. Im Vergleich zu einer anderen E-Gitarre muss man die Saiten sehr viel weiter runter drücken, was natürlich das Spielen erschwert. Für mein erstes Projekt dieser Art bin ich aber sehr zufrieden.

Bin ich mal unterwegs, kann mich nun stets meine Gitarre begleiten und mir ist abends im Hotel nie wieder langweilig. Aber: Wie der Zufall so möchte: Seit dem ich diese Gitarre habe, war ich nicht mehr alleine auf Geschäftsreise :-D


Finanziell bin ich bei etwas mehr als 100€ rausgekommen. Darunter zählen die gebrauchte Gitarre für ca. 40€, der Bridge-Satz für ca. 50€ und die Security-Locks für 15€, die ich aber sowieso da liegen hatte. Es können natürlich auch die Locks der alten Gitarre verwendet werden, welche bei meiner allerdings fehlten. Einen einfachen Gurt habe ich dann auch noch spendiert.

Nachtrag 04.07.2019:
Die Gitarre hat nun eine Größe von 76,5cm. Ich weiß nicht genau, wie groß sie vorher genau war, aber man kann sagen, dass sie um knapp 1/4 der Größe geschrumpft ist. Vorher-Nachher-Bilder habe ich noch hinzugefügt.


Rechtlicher Hinweis

Bosch übernimmt keine Gewähr für die Vollständigkeit und Richtigkeit der hinterlegten Anleitungen. Bosch weist außerdem darauf hin, dass die Verwendung dieser Anleitungen auf eigenes Risiko erfolgt. Bitte treffen Sie zu Ihrer Sicherheit alle notwendigen Vorkehrungen.


Tags

Meinungen und Reaktionen

Wie hat dir das Projekt gefallen? Indem du deine Meinung mit uns teilst, hilfst du uns und anderen Community-Mitgliedern zukünftige Inhalte zu verbessern.