Die Grenzen des Kapitalismus oder der Kindersitz für's Gespann

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  • Schwierigkeit
    mittel
  • Kosten
    250 €
  • Dauer
    Mehr als 4 Tage
  • Wertung

Ich bin mir fast sicher, dass dieses Projekt durchaus verschiedene Meinungen hervorrufen kann - vor allem aus moralischen Gründen. Ich selbst habe damit kein Problem, vor allem hege ich aber handwerklich diesbezüglich keine Zweifel, deswegen beschreibe ich es hier.

Worum geht's denn nun? Wie aus einem meiner vergangenen Projekten leicht zu ersehen bin ich leidenschaftlicher Motorradfahrer und war - wie ebenfalls bereits bekannt - dank mittlerweile doppeltem Nachwuchs in der allen Familienvater-Motorradfahrern bekannten Zwangslage, drei oder vier Personen befördern zu wollen - aber eben nur Platz für zwei auf dem Moped zu haben.
Was also tun? Das Hobby aufgeben? Niemals! Es reifte im Herbst 2012 der Gedanke, ein Gespann (Motorrad mit Beiwagen) als neues Familiengefährt zuzulegen. Schon old-school sollte es sein, ein klassicher Chopper oder Cruiser mit Blechbeiwagen ohne alles. Fündig wurde ich dann zum Jahresende 2011.

Jetzt schließt sich der Kreis zur ersten Hälfte meiner Projektüberschrift: den Grenzen des Kapitalismus. Bekanntlich regelt die Nachfrage des Angebot - da Gespanne absolut exotisch im heutigen Straßenbild sind gibt es für diese Fahrzeuge quasi nichts - schon gar keine Kindersitze für den halbhohen Nachwuchs! Eine Zweijährige ohne Kindersitz in ein Gepann zu setzen geht natürlich gar nicht, finde ich zumindest.

Alle im Handel erhältliche Kindersitze kann man direkt vergessen: Isofix und Konsorten gibt's bei Gespannen nicht, die Dinger sind zumindest für meinen Einsitzer-Beiwagen viel zu breit und vor allen Dingen kein bisschen wasserdicht - ohne Dach ein echtes Problem. Also muss ein bzw. zwei Eigenbauten her.

Zahlreiche Fehlversuche, viele Euronen weniger und ein halbes Jahr später waren zwei hölzerne Kindersitze fertiggestellt und hintereinander in den Beiwagen eingebaut, quasi bereit zur Ausfahrt. Ausgestattet mir Pkw-Hosenträgergurten, allseitigem Lederpolster und schwarzem Glanzlack fande ich sie schon damals ganz gut gelungen. Heute - ein dreiviertel Jahr und viele hundert Vater-Tochter-Kilometer im Gespann später - hat sich zumindest der eine der beiden Sitze bestens bewährt, selbst den TÜV hat er (zugegebermaßen ohne expliziten Hinweis auf den Eigenbau) ohne Beanstandungen bestanden. Der andere wartet noch im Keller, bis Nachwuchs No. 2 alt genug ist zum Mitfahren - also zwei Jahre...

Du brauchst

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Werkzeuge
  • PST 700 E  - Stichsäge, Feinschnittsäge/Säge mit NanoBlade-Technologie (elekt
  • POF 1300 ACE  - Fräse (elektrisch)
  • PSR 10,8 LI-2  - Bohrschrauber, Bohrmaschine, Schlagbohrschrauber (Akku)
  • PKS 55 A  - Kreissäge (elektrisch)
  • Tacker
  • Kreissägenschiene
  • teppichmesser
  • Leim
  • Lack
  • Pinsel
  • Schleifpapier
  • Schraubzwingen
  • Winkeleisen
  • Bohrer
  • Fräser
  • Bleistift
  • Feile
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Materialliste
  • 1 x Multiplex (12mm)
  • 2 x Hosenträgergurt
  • 1 x Polstermaterial samt Sprühkleber
  • 1 x Holzlack schwarz für Außen
  • 1 x Jede Menge Schrauben und anderen Kleinkram
  • 1 x Schlosserware (Riegel, Scharniere)

Los geht's - Schritt für Schritt

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Dokumentation

Nix war's mit Dokumentation - trotz akribischer Fotographiererei! Bis auf die Bilder vom Endprodukt sind alle Bilder irgendwo in den Untiefen meiner Festplatte verschwunden. Sorry...

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Holzbau

Ich fasse mich mit meiner Beschreibung etwas kürzer, weil a) die Sitze sowieso eine Spezialanfertigung sind für mein Gespann und b) mich diese Seite gerade durch irgendeinen Verbindungsfehler wieder auf Null gesetzt hat, nachdem die Anleitung schon fast fertig war.

Also, die Sitze sind sehr einfach aufgebaut: sie bestehen aus einer Bodenplatte, zwei trapezförmigen Armlehnen und einer überkopfhohen Rückenlehne aus 12 mm starkem Multiplex, die ich miteinander verleimt und verschraubt habe. Auf die Lehnen habe ich innen jeweils einen 25 breiten umlaufenden Rahmen aus dem selben Material aufgeleimt. Alle Ränder habe ich mit der Oberfräse so bearbeitet, dass sie zum "runden" Look des Beiwagens passen. Die Maße für die Sitze habe ich unsren Pkw-Sitzen, meinem Beiwagen und nicht zuletzt meiner Tochter entnommen.

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Polsterung

Aus meinen Fehlversuchen wusste ich zwei Dinge: Polstern beim Sattler ist teuer und zudem gar nicht so schwer. Per elektronischer Bucht habe ich mir Polstermaterial (Kunstleder, Vlies, Schaumgummi und Sprühkleber) besorgt. Aus 8 mm-Sperrholz habe ich Stücke ausgesägt und schwarz lackiert, die der Sitzfläche bzw. den Innenflächen der Lehnen innerhalb der aufgeleimten Ränder entsprechen. Diese habe ich mit Ploster bezogen, das Polsteruntermaterial zugeschnitten und mit Sprühkleber aufgeklebt, den Bezug aufgetackert. Schwierig waren dabei eigentlich nur die Ecken (zwischen die Falten tackern liefert das beste Erebnis).
Die Polsterelemente lassen sich anschließend mit etwas Kraft in die Rahmen bzw. Ränder der Lehnen einpressen und von außen festschrauben. Anschließend schiebt man die Sitzfläche von vorne ein und schraubt sie durch die Bodenplatte fest. Durch diese Bauweise sind keine hässlichen Polsterränder zu sehen, zudem ist das Polster durch die Ränder geschützt. Der feste Sitz in den Lehnenrahmen verhindert das Eindringen von Wasser ins Polstermaterial.

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Gurttechnik

Ohne Gurt macht ein Sitz natürlich keinen Sinn - ich habe mit zwei Hosenträgergurte aus dem Pkw in der Bucht ersteigert. Oben in die Lehne und auf Hüfthöhe habe ich Schlitze in die Rückwand gefräst, durch die sich die Gurtenden fädeln lassen. Um die deutlich zu große Gurtlänge ohne "Beschneiden" der Gurte auszugleichen habe ich die drei Gurtenden einfach auf eine Stelle an der Rücklehne zusammengeführt und mit einer dicken Zentralschraube samt Unterlagscheiben durch die Rücklehne verschraubt - das hält! Durch die Schlitze ist auch ein Verrutschen der Gurte im Betrieb verhindert.

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Zubehör und Sonderfunktionen

Der hintere, auf den Bildern zu sehende Sitz ist klappbar ausgeführt, damit man an den "Kofferraum" des Beiwagens rankommt, dessen Klappe hinter der Sitzlehne ist. Daher hat der Sitz auch zwei starke Riegel auf der Rückseite, die in den Stahlbau des Beiwagens eingreifen. Die Befestigung am Boden erfolgt sinnigerweise über Scharniere, so dass der Sitz nach dem Entriegeln per Hand nach vorne klappt.

Zusätzlich habe ich den Beiwagen mit einem Überrollbügel zwischen den Sitzen ausgestattet, so dass meine Kleinen im Falle des Falles nicht nur durch den Sitz und seine überkopfhohe Lehne, sondern zuvor auch noch durch den Bügel geschützt sind. Zudem habe ich unter das Boot auf den Beiwagenrahmen eine schwarz gepulverte Stahlplatte aufgeschraubt, die das ziemlich geringe Körpergewicht meiner Beifahrerchen ausgleicht und für sauberes Fahrverhalten sorgt.

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Fazit nach einer Saison

Ich war mit meiner Kurzen sehr viel im Gespann unterwegs dieses Jahr, ihr Sitz hat sich voll bewährt. Sie sitzt sicher darin und kann auch keinen Unfug machen. Auch bei scharfem Bremsen sitzt alles. Selbst zahlreiche Regenfahrten konnten weder Polster noch Holz was antun, auch mehrere Fahrzeugwäschen nicht. Das Ganze funktioniert also. Und mal ehrlich: wenn ich meine Sitze (als Ingenieur) mit dem GS-geprüften Plastikmist vergleiche, den wir für unsre Kinder in die Autos bauen habe ich ein gutes Gewissen, wenn meine Kleine bei mir in meinem Sitzt hockt.

Sie hat auf jeden Fall viel Spass und singt immer beim Fahren. Und wo wir auftauchen sind wir ein Eyecatcher. Soviel Positives habe ich in Bezug auf Motorräder noch nie erlebt...


Rechtlicher Hinweis

Bosch übernimmt keine Gewähr für die Vollständigkeit und Richtigkeit der hinterlegten Anleitungen. Bosch weist außerdem darauf hin, dass die Verwendung dieser Anleitungen auf eigenes Risiko erfolgt. Bitte treffen Sie zu Ihrer Sicherheit alle notwendigen Vorkehrungen.


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