Der Primitivbogen - die Urform

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  • Schwierigkeit
    schwer
  • Kosten
    50 €
  • Dauer
    1-2 Tage
  • Wertung

Jetzt, nach dem Urlaub, möchte ich mich mit einem kleinen Projekt zurückmelden. Ich bin begeisterter Bogenschütze, und hatte die Möglichkeit, an einer Maßnahme der Experimentalarchäologie teilzunehmen, und da hier sehr viel mit Holz gewerkelt wurde, war es mir gerade recht.
Nun kann ich leider, was an gewissen äußeren Umständen lag, nur ein Bild aus der Arbeitsphase anbieten, werde aber versuchen, anhand einiger Detailfotos zu erklären, was hinter dem primiv aussehenden Endergebnis an Gehirnschmalz und Mühe steckt.
Ziel war es, nach einem historischen Vorbild mit einfachsten Werkzeugen einen funktionierenden Bogen nachzubauen.

Du brauchst

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Werkzeuge
  • Beil (300g)
  • Messer
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Materialliste
  • 1 x Stave | Esche (170 cm * 9cm)
  • Sehnenmaterial | Dacron (6 Einzelfäden)

Los geht's - Schritt für Schritt

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Die Bearbeitung des Staves

Vor mir liegt ein Eschenprügel, die aufgespaltene Hälfte eines dünnen Stammes - 1,70m lang und ca. 9cm breit. Die Fachleute benutzen zur Bezeichnung den englischen Ausdruck Stave.

 Die halbrunde Seite hatte bereits ein hilfreiches Herz entrindet.
Sieht niedlich aus, das halbe Stämmchen - welch ein Irrtum!
Als Werkzeuge stehen kleine Beile von 300g und große Messer im Stile Bowie zur Verfügung.
Mein zweiter Irrtum: Das wird ein Spaß, mit dem kleinen, ultraleichten Hackebeilchen den Prügel in Form zu bringen.

Unter Anleitung des Teamleiters zeichnen wir, es sind noch weitere drei Freiwillige angetreten, auf der halbrunden Seite eine Linie von Ende zu Ende, die die Mitte der Seite in Längsrichtung markiert.
Anschließend wird die Mitte des Strichs ausgemessen und quer markiert.

Entsprechend des historischen Vorbilds werden nun rechts und links der Quermarkierung zwei weitere angebracht, und zwar im Abstand von jeweils 40 cm. Diese drei Markierungen bezeichnen nun die Mitte des späteren Handgriffes und den Teil des Bogens, der sich später nicht biegen soll.
Auf Bild 1 ist dies beim entspannten Bogen nicht zu erkennen. Dagegen sieht man auf Bild 2, wie sich im aufgespannten Zustand im wesentlichen nur der Teil des Wurfarms biegt, der jenseits der 40cm-Markierung liegt.

Wie ist dies möglich? Nun eben dadurch, dass besonders die dem Schützen zugewandte Seite des Bogenrohlings - der Bogenbauch -  heftig bearbeitet wird. Unglaubliche Mengen von feinen Spänen werden abgetragen - immer im Blick, dass beide Wurfarme am Ende möglichst gleich aussehen sollen.
Hierbei wird die Form des späteren Handgriffs schon grob ausgearbeitet.

Doch nicht nur der Bogenbauch wird bearbeitet, sondern auch seine beiden Flanken. Hierzu wurden vorher links und rechts der Mittelmarkierung (in Längsrichtung) jeweils eine weitere Linie im Abstand von 4cm aufgezeichnet, und zwar parallel bis zu den beiden 40cm-Markierungen, dann aber trapezförmig zulaufend bis zu den Enden auf eine Breite von 2cm. Auf Bild 3 kann man dies hoffentlich erkennen.

Auch diese Form wollte mit dem Beil herausgearbeitet werden. Und hier kommt nun das einzige Bild ins Spiel, das den Arbeitsprozess wiedergibt (Bild 4). Zu diesem Zeitpunkt war das Beilchen schon ganz schön schwer geworden ...

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Hurra, er biegt sich!

So allmählich nähere ich mich der gewünschten Form (Bild 1 und 2).

Es folgt die erste Probe aufs Exempel - ein Wurfarm wird aufgestützt, aber nicht auf dem Boden, das sieht der Meister gar nicht gerne. Nein, seitlich gegen den Schuh soll es sein. Rüffel kassiert, besser gemacht ...
Also: ein Wurfarm wird aufgestützt, die eine Hand ergreift das obere Ende des anderen Wurfarms, und die andere Hand drückt gegen den Griff. Und tatsächlich, er biegt sich, sieht fast schon wie ein Bogen aus.
Mit ausdrücklicher Erlaubnis des Herren aller Experimentalarchäologen und besonders aller seiner Versuchskaninchen (Grummel, grummel) darf ich in beide Enden eine schräge Kerbe schnitzen, die dann die Bogensehne aufnehmen soll (Siehe Bild 3).

Moment mal, Sehne, wo ist die eigentlich? Sonst kaufe ich die beim Händler meines Vertrauens, aber hier, bei diesem Sklaventreiber? Ich ahne Schlimmes.

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Fertigstellung des Bogens, Tillern und Sehne

Dachte ich eben noch, das Ende des Hackens und Schnitzens nahe, belehrt mich die Ansicht meines unfertigen Bogens auf dem Tillerbaum, was noch zu tun ist.

Der Tillerbaum ist eine schlichte Holzleiste, in die mehrere Kerben gesägt wurden. Man kann mit dieser Leiste, eingeklemmt zwischen Handgriff und leicht gespannter Sehne, überprüfen, wo sich der Bogen noch nicht so recht biegen will bzw. ungleichmäßig biegt. An just diesen Stellen ist dann noch Material auf der Bauchseite abzutragen.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich die Tillersehne aufgespannt und den Bogen an die Wand gehängt habe. Dumm ist es, wenn man an einer zu starken Stelle zu viel Material wegnimmt, weil dann die andere Seite wiederum ...

Am Ende aber, der Gott aller Bogner, Versuchskaninchen und sonstiger Opfer gibt durch ein leichtes Nicken zu verstehen, dass der Bogen nunmehr die richtige Form habe, löst sich alles in Wohlgefallen auf ... dachte ich.
 
Aber da ist ja noch die Geschichte mit der Sehne. Nichts ist mit Feierabend, die Sehne müssen wir selbst zwirbeln, und zwar entsprechend des flämischen Spleiß. Von einer Rolle erhält nun jeder mehrere meterlange Fäden, die wir - freudig erregt - zu einer Sehne flechten sollen.
Unter Anleitung beginne ich, mir die Finger zu verbiegen, fast zu verzweifeln und ganz unakademisch zu fluchen.
Wer wissen will, warum, der schaue sich nur mal diese Anleitung an:
http://granjow.net/fotos-bow-spleiss.html

Doch erstaunlich, nach einer Stunde ist meine Sehne fertig und kann mittels eines speziellen Knotens am Bogen befestigt werden.

Der Abstand zwischen Bogen und Sehne ist auf Höhe des Griffs etwas klein ausgefallen, aber das hat auch den Vorteil, dass dem Pfeil ordentlich Bumms verpasst wird.


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Wie geht es weiter?

Versöhnt mit diesem wunderbaren Menschen und großartigen Archäologen verabschiede ich mich überschwänglich, nicht ohne meine Bereitschaft zu bekunden, auch an der Aktion "Gerben mit Schweinehirn" teilnehmen zu wollen.

Beschwingt fahre ich nach Hause, lege den Bogen auf den Verandatisch und blicke erwartungsvoll in die wunderschönen Augen meiner ebenfalls bogenschießenden Allerliebsten.

"Und dafür warst du zehn Stunden unterwegs?"

Da bleibt einem nur ein trotzig geknurrtes "Allerdings!".

Aber nein, alles nur Spaß. Sie greift sich den Bogen, schnappt sich ein paar Pfeile, schießt probehalber und meint dann:

 "Jetzt musst du aber noch ein paar Holzpfeile machen. Mit Carbon, das geht ja gar nicht."



Rechtlicher Hinweis

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