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Strohdachdeckung

„Geflüchtet unter das dänische Strohdach, Freunde, verfolg ich euren Kampf ...“ schrieb Bertold Brecht 1939 in seinen Svendborger Gedichten und gab uns damit einen flüchtigen Hinweis auf das strohgedeckte Quartier seines Exils. Die bis heute im Volksmund übliche Bezeichnung „Strohhäuser“ oder „Strohdächer“ deutet darauf, daß in der Geschichte die Dächer auch oft mit Stroh gedeckt worden sind.
Doch das vorhandene billige Getreidestroh, das praktisch als Abfallprodukt anfiel, mußte erst durch Kultivierung eine bestimmte Länge und Festigkeit erreichen, ehe es sich als Dachmaterial wirklich eignete. Außerdem konnte das Stroh des mit der Sichel geernteten Korns nicht als Dachbedeckung verwendet werden, da dabei lediglich die Ähren, nicht aber die notwendigen Halme geschnitten wurden. Erst die um 1500 eingeführte Getreidesense schnitt dachgeeignetes Langstroh. Jetzt begann ein wahrer Siegeszug der Strohdeckung über fast alle Regionen hinweg. Auch da, wo bisher, weil es vorhanden war, Schilfrohr als Dachmaterial diente, ging man dazu über, es durch Getreidestroh zu ersetzen. Nur die Bauern der Küstenzonen und auf den Inseln der Ost- und Nordsee blieben dem traditionellen Rohr treu.

Die Dachstrohernte


Optisch konnte man die Dächer „bis auf den Halm“ genau nicht von denen aus Schilfrohr unterscheiden. Neue Verbreitungsgebiete kamen hinzu, wie einige Lagen des Schwarzwaldes und die Heide. In Mitteleuropa waren es haupsächlich die Halme des Roggens, die auf das Dach kamen. Roggen (lat.: Secale cereale) – genau wie Schilf und Weizen zur Familie der Süßwassergräser gehörend – hat sich ursprünglich als Unkraut des Weizens verbreitet, den er in klimatisch ungünstigen Lagen verdrängte. Die anspruchslosen 1 bis 2 m langen Sprossen besitzen eine 15 cm lange Ähre mit Grannen. Am besten eignete sich als Dachstroh das starkhalmige langstielige Roggenstroh nach dem sogenannten Hauwald, der ersten Ernte nach der Rodung. In England hingegen setze sich nur Weizenstroh als Dachmaterial durch.
Der ab Oktober im deutschen Raum in den Boden gebrachte Roggen (Wintersaat) wurde im Sommer des folgenden Jahres mit der Sense geerntet. Zu Garben gebunden mußte er dann etwa zwei Wochen auf dem Schlag trocknen, ehe er eingefahren werden konnte. Jeweils drei Garben ergaben fest zusammengebunden, von Unkraut befreit und mit dem Strohschneider auf eine einheitliche Länge von ca 1 bis 1,20 m gebracht, ein Bündel Dachstroh.

Die Dachstrohaufbereitung


Auch das Dachstroh verlangte nach der Ernte und dem Trocknen weitere Bearbeitung, um es endgültig als Dachmaterial verwenden zu können. Das eingefahrene Material musste im Unterschied zum Rohr gedroschen werden. Obwohl es im Laufe der Jahrhunderte gelungen ist, möglichst lange Halme beim Roggen zu züchten, blieb das Problem der großen Ähren erhalten. Sie bildeten einen großen Teil der Pflanze und konnten aus diesem Grund nicht abgeschnitten werden. Das Roggenstroh mit Ähren und Körnern hätte aber auf dem Dach besonders für Mäuse ein Schlaraffenland geboten, so dass nur gedroschenes Stroh als Dachmaterial Verwendung fand. Den Halm schonendes Dreschen war angesagt, zuerst mit dem Dreschflegel, später, etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit der Handdreschmaschine. Dieses trommelähnliche, mit Zapfen versehene „Monstrum“ (Durchmesser ca. 60 cm) wurde mit einem Bündel Stroh bestückt und dann mit einer von mehreren Personen bedienten Kurbel in Rotation versetzt. Die schnelle drehende Bewegung der Trommel löste das Korn aus den Ähren. Sicher erbrachte diese Dreschmaschine einen gewaltigen Zeitvorteil gegenüber dem Dreschflegel, doch es wurden immerhin noch vier bis sieben Personen benötigt, sie zu bedienen. Kleinere Mengen, die z.B. zur Ausbesserung eines Dachs vorgesehen waren, blieben weiterhin dem Handdrusch vorbehalten.
Das Hecheln des Dachstrohs ist mit dem beim Rohr vergleichbar. Entweder benutzte man dafür einen selbstgebauten Strohkamm, den umgedrehten Heurechen oder einfach nur die Mistgabel. Sehr beliebt war auch das Dachstrohschütteln, bei dem die Strohbündel in der Luft kräftig ausgeschüttelt und damit von kurzen, geknickten Halmen sowie fremden Bestandteilen befreit wurden. Nach mehrmaligem festen Aufstoßen auf den Boden konnte jetzt das Roggenstroh mit Strohbändern bzw. mit Schnur zu Bunden geschnürt werden. Dachstroh ließ sich sehr gut auch für mehrere Jahre lagern. Der gut durchlüftete Dach- oder Heuboden, aber auch ein Schuppen boten genau die richtigen Bedingungen, die stehenden Strohbunde unterzubringen.
Das leichte Roggendachstroh konnte üblicherweise in einem Umfang von 125 cm und mit etwa 3,5 kg je Bund verarbeitet werden. Drei dieser Bunde ergaben ein Schoof von 21 kg, und auch hier bezeichnete man 20 Schoofe als ein Draaf (Draf). Für eine Dachhaut von 50 cm Dicke rechnete der Bauer mit 3 bis 4 Bund je Quadratmeter.
Das Verlegen von Dachstroh unterscheidet sich kaum von den noch zu beschreibenden Techniken der Rohrverlegung.

Der Siegeszug des Dachstrohs


Die Handhabung des Strohs vereinfachte die Dachdeckerarbeiten des Bauern erheblich. Jetzt konnte er das Material für ein neues Dach oder notwendige Ausbesserungsarbeiten über mehrere Jahre lagern und sammeln. Das Stroh kostete ihn weder Geld noch zusätzliche Arbeitszeit, es war immer ausreichend vorhanden. Wie beliebt, wie wertvoll Stroh für den Landmann war, überliefert uns ein Fränkisches Sprichwort: „Stroh ist Gold, Körner sind Silber, Heu ist Kupfer.“ Bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts lassen sich ländliche Gebäude aller Art mit Strohdeckungen nachweisen. Verwendung fand das völlig ausgereifte gerade und möglichst lange Stroh mit Ähren. Das Stroh stand praktisch nach der Korngewinnung als Abfall zur Verfügung, es musste nur etwas bewusster damit umgegangen werden. Die handgedroschenen Halme durften beispielsweise nicht gebrochen oder breitgeschlagen sein, um verarbeitet zu werden.
Später baute man den dachgeeigneten Roggen sogar als speziellen Dachbaustoff an. Für eine durchschnittliche Dachfläche von 120 bis 140 m² benötigte man zwei Morgen Land. Ein Morgen entsprach der Ackerfläche, die an einem Morgen bis zum Mittag umgepflügt sein konnte, meist zwischen 25 und 36 a. Das heißt, für ein Dach mußte ein Acker von etwa einem halben Hektar (50 a = ½ ha = 5.000 m²) bearbeitet werden. Da Roggen sehr anspruchslos und genügsam ist, fand man die Felder mit dem langhalmigen Dachroggen bis in unser Jahrhundert hinein fast überall. Auch der in England zur Dachdeckung verbreitete 1,80 m lange Weizen wurde separat und zweckgebunden angebaut.

Nach 500 Jahren – Das Aus für die Strohdeckung


Etwa 15 bis 25 Jahre konnte so ein Dach aus Roggenstroh halten. Diese kurze Lebensdauer trug entscheidend dazu bei, daß Strohdächer immer mehr von den Ziegeldächern verdrängt wurden. Im Unterschied zum Rohr bedeutete die Einführung moderner Erntetechnik hier nicht einen weiteren Aufschwung, sondern das Todesurteil. Der zur Korngewinnung so effektive Mähdrescher beschädigte die Halme des Roggens so stark, dass sie nicht mehr als Dachhaut zu verwenden waren. Der Maschinendrusch, durch Düngung zu lang und zu dick gewachsene Halme sowie ein stärkerer Schädlingsbefall schwächten das Interesse an den Strohdächern erheblich ab. Hinzu kam, dass mit einem wissenschaftlich betriebenen Landbau die Drei-Felder-Wirtschaft nicht mehr praktiziert wurde und die Rodung entfiel. Wir erinnern uns, den für die Dachstrohausbeute so geeigneten Hauwald gab es praktisch nicht mehr, und er wäre auch aus ökonomischer und ökologischer Sicht nicht mehr zu vertreten. Einige Zeit, vereinzelt bis in das 20. Jahrhundert hinein, versuchte der Bauer, noch Dachstroh auf herkömmliche Art zu gewinnen, also Ernte mit der Sense, Handdrusch oder Einsatz der Handdreschmaschine sowie weitere aufwendige Arbeitsgänge. Doch diese Bemühungen der Landbevölkerung trugen nur dazu bei, das endgültige Aus ihrer so beliebten und preiswerten Dachdeckung zu verzögern, verhindern konnten sie es nicht. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde praktisch kein Dachstroh mehr hergestellt. Eine 500jährige Epoche der Verwendung von Stroh als Dachbaustoff ging zu Ende. Der technische Fortschritt hatte einst die Verwendung des Strohs als Dachmaterial erst ermöglicht, jetzt verhinderte er die weitere Verwendung.
Heute steht noch vereinzelt auf Museumsfeldern oder ökologisch orientierten Flächen Getreide auf dem Halm, welches zum Eindecken eines Dachs geeignet ist und dazu benutzt wird. In der Regel baut man den Roggen nur noch im Auftrag der Denkmalpflege oder für wenige Liebhaber an. Auch wenn die wirklichen Strohdächer aus unseren Landschaftsbildern heute bis auf wenige Ausnahmen verschwunden sind, so halten sich wenigstens die „Strohdächer“ im populären Sprachgebrauch hartnäckig.
 


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