Der Ausgangspunkt für den Dachbaustoff Rohr ist eine Pflanze – das
gewöhnlich Schilf- oder Teichrohr (lat. Phragmites communis). Es
ist eine Pflanzengattung aus der Familie der Gramineen, der
Süßwassergräser (lat. Phragmites). Das hohe Gras mit der
stattlichen vielästigen, rotbraunen oder gelblichen, seidenartig
glänzenden Rispe wächst in Mitteleuropa an stehenden Gewässern,
Binnenseen, Bodden oder sumpfigen Wiesen. Die 1,25 bis über 5 m
langen Halme sind rund, hohl, luftgefüllt und bilden somit ein Rohr
aus. Knoten teilen den Spross in Segmente. Doch nur der Spross, der
einjährig eine besonders gute Elastizität aufweist, eignet sich als
Dachrohr. Wird es versäumt, das einjährige Schilf zu schneiden, so
verholzen die Halme und werden brüchig. Die Triebe dienten außer
als Dachmaterial noch als Bewehrung für Lehmwände, als Streu für
das Vieh und auch nicht selten als Feuerung.
Der kräftig anmutende und scheinbar unverwüstliche Schilfbewuchs an
den Gewässern erwies sich als sehr empfindlich gegen Krankheiten
und schädliche Umwelteinflüsse. Aus diesem Grund finden sich
ausgedehnte natürliche Schilfvorkommen in Mitteleuropa nur noch
selten. Ein schmaler Streifen Schilf an einem Teich oder See
dokumentiert wie kaum eine andere Pflanze, dass es sich um ein
sauberes und gesundes Gewässer handelt.
Auf das Dach gelangt aber nicht etwa Schilf, was der gesamten
Pflanze entsprechen würde, sondern nur die von der Pflanze
getrennten und gebündelten Halme mit Rispe jedoch ohne Wurzel, das
Schilfrohr.
Für den einen ist es Rohr, für den anderen Reet. So vielfältig die
regionalen Unterschiede der einzelnen Haus- und Dachformen sind, so
verschieden ist auch der Sprachgebrauch für das Dachmaterial sowie
seine Schreibweise. In Vorpommern, auf Rügen und Usedom, in
Brandenburg und der Lausitz, den wichtigsten östlichen
Verbreitungsgebieten Deutschlands, sagt man fast ausschließlich
„Rohr“.
Weiter in Richtung Nord-Westen, in Mecklenburg, in Schleswig und
Holstein, in Niedersachsen und Holland, ist es das „Reet“, „Ried“
bzw. „Riet“.
In Friesland wird es hauptsächlich „Räjde“ genannt und in den
Marschgebieten der südlichen Nordseeküste „Reith“.
Im Sprachgewirr der im brandenburgischen Oderbruch angesiedelten
Kolonisten fanden sich auch die Begriffe „Reitgras“,
„Rohrglanzgras“, „Mielitz“, „Werft“ und „Werst“ für das
herkömmliche Schilfrohr.
„Thatch“ nennen es die Engländer, und für die Franzosen ist es
„chaume“ oder „roseau“. In Ungarn heißt das Schilfrohr „nád“, und
aus dem Wendischen ist uns „ziti“ dafür überliefert.
Laut Duden ist auch die Schreibweise „Ret“ zulässig, manchmal
begegnet man auch der Bezeichnung „Röhricht“, und in der DIN 4102
zu Brandverhalten von Baustoffen findet sich sogar die Bezeichnung
„Reth“. Die Verwirrung scheint komplett, jeder sagt, was er will.
Die offiziellen Fachregeln für das Deutsche Dachdeckerhandwerk
sprechen von „Deckungen mit Reet (Schilfrohr) und Stroh“. Selbst
diese offizielle Schreibweise lässt erkennen, dass die Experten
sich noch nicht auf einen einheitlichen Sprachgebrauch einigen
konnten.
Verwirrend wird es, wenn man bedenkt, dass in der Umgangssprache
häufig noch die Bezeichnung „Stroh“ hinzukommt, wenn eigentlich
„Rohr“ gemeint ist. Vielleich ist diese sprachliche Vielfalt aber
auch der Ausdruck des liebenswürdigen und traditionsbewussten
Umgangs mit dem Baustoff aus der Natur, der sich der Normierung und
Vereinheitlichung entzieht.
Zum Decken wurde und wird das einjährige getrocknete, gehechelte
und gebündelte Rohr mit Rispe verwendet. 20 Bunde (Schoofe) ergeben
in der Fachsprache dann ein Stieg oder ein Draaf (Draf). Zu einem
Schock gehören 60 Bund. Unsere Vorfahren berechneten die für ein
Dach benötigte Rohrmenge in Fimm. 100 Bund ergaben ein Fimm. Das
Bund war mit acht Zoll Durchmesser an den Bindestellen definiert.
In manchen Regionen verkaufte man das Rohr auch nach Gewicht.
Für eine Dachfläche von einem Quadratmeter benötigt man von den
Normalbunden mit einem Durchmesser von 16 bis 18 cm 15 oder 16
Bunde. In Schleswig-Holstein sind aber auch dickere Bunde üblich,
die mit einem Durchmesser von ca. 27 cm für einen Quadratmeter nur
7 Bunde ergeben. Es ist vorteilhaft, Rohr immer im Jahr der Ernte
zu verarbeiten. Bis dahin kann es stehend mit der Rispe nach oben
in kreisförmig angelegten Hocken im Freien gelagert werden.
Kurzzeitig ist auch ein wechselseitiges Übereinanderlegen der Bunde
möglich.
Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang, dass in der Gegenwart
auch künstliches Rohrmaterial, -platten oder -matten auf den Markt
drängen. Doch die Optik, die oft nicht einmal dem ersten Blick
standhält, macht noch kein natürliches Dach aus. Das
Entscheidungskriterium ist und bleibt, ob der Grundstoff für die
Dachhaut natürlich gewachsen ist oder nicht. Daraus leiten sich die
bauphysikalischen, biologischen und ästhetischen Eigenschaften des
Baustoffes ab, und nur wer sich für das Naturprodukt entscheidet,
kann auch die Vorteile der ökologischen Deckung genießen.