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Geschichte aus der Schulzeit

30.03.2015, 12:21
Fräulein Rausch
Mit Beginn des 7. Schuljahres wurde ich Konfirmand.
Wollte man konfirmiert werden und die Konfirmationsfeier erleben, mit den vielen Geschenken, war es bis dahin noch ein weiter, steiniger Weg. Ein Weg des Lernens, des Singens und des Aufsagens aller Verse, welche das evangelische Kirchengesangbuch hergab.
Dieses umfangreiche Wissen bekamen wir im Pfarrhaus beim Konfirmandenunterricht gelehrt.
Dafür musste ich, genau wie meine Mitkonfirmanden, einmal in der Woche nach der Schule den Konfirmandenunterricht besuchen. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass er meistens durch unseren gestandenen Dorfpfarrer abgehalten wurde. Ausnahmen bestätigen die Regel, denn ab und an unterrichtete auch Fräulein Rausch, unsere Katechetin.
Fräulein Rausch erschien uns damals als eine drahtige zierliche Person, mit passenden schwarzen Haaren, welche, wie kann es auch anders sein, absolut modisch zu einem Kirchendutt hochgesteckt waren. Sie trug eine Goldrandbrille, für uns war sie eine alte Frau. Heute weiß ich es besser, sie war zum Zeitpunkt meiner Geschichte nicht älter als 30 Jahre. Es ist eben vieles auch Ansichtssache. Fräulein Rausch war immer ein wenig kränklich und sportlich wenig gestählt. Daher war das Radfahren nicht ihre starke Leidenschaft.
Aber auf dem Land war damals die Mobilität schon gefragt und überlebenswichtig.
Der öffentliche Nahverkehr steckte noch in den Kinderschuhen, eher erwischte man ein Pferdegespann als einen Linienbus.
Die Motorisierung machte jedoch auch vor dem Land keinen halt.
Ein großes Magdeburger Armaturenwerk erfüllte äußerst vorbildlich seinen Staatsplanauftrag und baute am Ende der Fünfzigerjahre im Rahmen der Konsumgüterproduktion einen Fahrradhilfsmotor, für die nach Mobilität dürstende Bevölkerung.
Dieser Motor wurde in Anlehnung an schon schnaufende Exemplare anderer Hersteller produziert. Das war der Steppke. Ähnliches gab es auch von der Firma Lohmann.
Voraussetzung für den Fahrspaß war, man musste schon Fahrrad fahren können, und ein einigermaßen tüchtiges Exemplar besitzen.
Der MAW-Motor, auch liebevoll Hühnerschreck genannt, brachte aus 49,9 ccm Hubraum eine stramme Leistung von 1,3 PS auf das Hinterrad.
Die Montage des Motors erfolgte in unmittelbarer Nähe zum Hinterrad. Mit ein paar Schellen und Schrauben war das Werk schnell vollbracht.
Zur sicheren Übertragung der Motorleistung auf das Hinterrad wurde ein Zahnrad, vom Durchmesser eines Strohhutes ohne Krempe, kunstvoll mit den Speichen verschraubt. Eine kurze Kette komplettierte den Antriebsstrang und der Fahrspaß konnte beginnen. Halt, ein wichtiges Teil fehlte noch, der Tank, er bekam seinen Platz unterhalb des Fahrradsattels, auch hier sorgten zwei einfache Schellen sorgten für den festen Sitz.
Am rechten Ende des Lenkers wurde der Gasdrehgriff montiert. Dieser ermöglichte dem Fahrer, die Geschwindigkeit über einen Bowdenzug zu regulieren. Am linken Lenkerende war der Kupplungshandgriff verschraubt. Er trug wesentlich zum Start und dem unbeschwerten Halt bei.
Für den seltenen Fall, dass der kleine Motor mal seinen Dienst versagte, brachten die findigen Magdeburger Armaturenwerker einen Bügel am Kupplungshebel an.
Dieser kam dann zum Einsatz, wenn das Gefährt streikte, und seinem Lenker eine Reparatur misslang.
Die Fehlersuche beschränkte sich meist auf den Benzinstand und einen hektischen Zündkerzenwechsel. War das abgearbeitet, blieb nur noch, diesen winzigen Bügel in Position zu bringen, die Kupplung trennte nun dauerhaft den Motor vom Hinterrad und man fuhr wieder Fahrrad. Etwas beschwerlich, ungefähr so, wie wenn man 10 Dynamos an den Rädern verteilt anbaut und diese auf einmal bewegen muss. Denn die getrennte Kupplung blieb nicht ganz reibungsfrei.
Nun trafen 25 Teile Benzin und 1 Teil Öl aufeinander, wurden innig gemischt. Beim Betrieb des Motors verbrannte das Benzin und erzeugte die Kraft, um seinen Besitzer zu bewegen, das Öl indes schmierte die bewegten Teile im Innenleben und verließ fröhlich qualmend den Auspuff mit einem knatternden Geräusch, welches wohl die Hühner erschreckte.
Der Start des Motors ist schnell erklärt: Man drehte den Benzinhahn auf, dann wurde am Vergaser meist nervös und voller Spannung ein Tupfer so lange gedrückt, bis dieser geflutet war.
Nun noch behände die Luftklappe geschlossen, entsprechend dem Choke am Auto.
War die Flutung erfolgreich, bestieg man das Motorfahrrad, zog die Kupplung und trampelte sich in Fahrt. Kurz die Luft anhalten, die Kupplung schnipsen lassen. Mit viel Glück und nicht gänzlich überflutetem Vergaser sprang der Motor laut knatternd und qualmend an.
Jetzt durfte man die Gesichtszüge wieder lockern und die rasche Fahrt mittels des Gasdrehgriffs einleiten.
Nach einigen Hundert Metern war es geboten, die Luftklappe zu öffnen. Im Fall des Vergessens saugte das Motorchen zu viel Gemisch an und ertränkte die Elektroden der Zündkerze hoffnungslos.
Zum Anhalten nahm man einfach das Gas zurück, kuppelte aus, und bremste mit dem Rücktritt.
Im Stillstand wurde kurz eingekuppelt, damit war der Motor einfach abgewürgt.
Warum schreibe ich eigentlich so genau und ausführlich über den Hühnerschreck und wenig über Fräulein Rausch?
Das dient dem besseren Verständnis für das eigentliche Erlebnis.
Junge Konfirmanden sind keine Engel, jene vom Dorf noch weniger, und so kam, was kommen musste.
Fräulein Rausch fuhr mit ihrem Hühnerschreck, und machte einen Hausbesuch bei meinen Eltern.
Hausbesuche erfolgten meistens nach einem oder mehreren Streichen oder sehr argen Verfehlungen.
Im konkreten Fall hatte ich eine Beschwerde über mein Benehmen schriftlich an meine Eltern erhalten. Diese sollten sich davon in Kenntnis setzen und ihre Kenntnisnahme per Unterschrift bekunden.
Da meine Eltern mir sehr verbunden waren und durch ihr schweres Tagwerk als Bauern schon genug um die Ohren hatten, wollte ich ihnen die Pein ersparen.
Dazu nahm ich alle meine grafologischen Fähigkeiten und einen Kopierstift zusammen.
Das waren diese Minen, mit denen man wunderschön schmieren konnte, wenn man sie am Mundwinkel nass machte. Ich hatte ein wenig geübt, und schon sah die Unterschrift der meiner Mutter täuschend ähnlich.
Fand ich jedenfalls und klopfte mir wohlwollend auf die Schulter.
Die Kenntnisnahme hatte ich beim nächsten Unterricht abgegeben. Es ging allen wieder gut, dachte ich. Hier irrte ich aber gewaltig. Denn getreu dem Spruch: Gottes Mühlen mahlen langsam aber trefflich fein, kam es also, wie es kommen musste.
Fräulein Rausch knatterte stolz in unseren Hof, ihren Kirchendutt hatte sie keck mit einem Tuch getarnt. Meine Eltern waren ein wenig überrascht über den seltenen Gast, aber lagen schon richtig mit ihrer Vermutung, dass ich irgendwie der Grund war.
Wenig Zeit war vergangen, sie müssen drinnen sofort auf den Punkt gekommen sein. Ganz sicher war ich mir inzwischen, sie konnten meinen guten Willen zur Vermeidung von Aufregung meiner Eltern nicht schätzen. Im Gegenteil, so schnell kann man missverstanden werden.
Ich wurde in das Haus gebeten, erhielt eine gewaltige Standpauke. Fräulein Rauschs Gesicht entglitt nach meiner Deutung zu einem hämischen Grinsen. Das tat wohl am meisten weh und forderte Rache.
Mein gleichaltriger Freund Heiner, nicht Konfirmand – Heide also, war inzwischen eingetroffen. Wir überlegten angespannt, wie ich mich rächen konnte. Das war ich mir und meinem stark angeschlagenen Ego schuldig.
Wir schauten uns das Motorfahrrad gelangweilt an, da machte es klick. In Physik, Chemie und technischen Dingen war ich damals schon ziemlich weit.
Es war mir unter anderem bereits gelungen, die gefrorene Erde der Rübenmiete mit einem zündenden Gemisch aus Salpeter, Holzkohle und dem Mittel Wegerein zu sprengen.
Die Sprengung gelang, die Rüben waren frei und konnten aufgeladen werden.
Nur leider geriet dabei ein kleiner Strohschober in Brand, er war nicht mehr zu löschen.
Mir fiel schlagartig ein, wo der Kopierstift lag und ich holte ihn sofort.
Mit der Mine aus Graphit und Kohlenstoff kann man nicht nur unterschreiben, sondern sie leitet auch elektrischen Strom. Herman stand Schmiere, es sollte ja diesmal nichts schiefgehen.
Flugs zog ich die Zündkappe ab, benetzte die Mine mit Spucke und malte sehr sorgfältig mehrere breite Striche senkrecht auf den Isolierkörper der Zündkerze, immer von der Elektrode zum Masseteil. Damit sollte verhindert werden, dass später die Zündspannung, welche den Motor zum Zünden bringen soll, vor ihrem eigentlichen Zündort im Brennraum des Motors unverrichteter Dinge die Masse erreicht.
Ähnliche Versuche mit Schokoladenpapier hatten einen gewaltigen Nachteil, falls jemand bei der Fehlersuche die Zündkappe abmacht, sieht er gleich, was die Glocke geschlagen hat.
Die Striche, da kommt so schnell keiner drauf, dessen war ich mir so sicher wie beim Amen in der Kirche.
Im Haus entspannte man sich und ging sicher zum leidigen Thema Wetter und Ernte über. Für Landwirte ist das immer tagaktuell.
Inzwischen machte ich mich mit dem Heiden schnell auf den Weg, um an die Sandgrube zu gelangen. Diese war ein herrlicher Abenteuerspielplatz, zu allen Jahreszeiten, und auch für alle Jahrgänge.
Sie war etwa 400 Meter vom Dorfende entfernt, wir versteckten uns und warteten auf Fräulein Rausch.
Lange dauerte es gar nicht, endlich die Genugtuung, sie kam: trampelnd, hochrot im Gesicht, das Tuch hing verschwitzt an ihrem weißen dünnen Hals herunter.
Mit letzter Kraft wollte sie immer wieder durch Einkuppeln den Motor zum Start bringen. Dies wurde aber durch meine Striche mit dem Kopierstift dauerhaft verhindert.
Wir sahen noch, wie sie die Kupplung mittels des Bügels, den die Magdeburger fürsorglich angebracht hatten, den schweigenden Motor vom Antrieb trennte. Jetzt wurde aus dem Motorfahrrad ein Fahrrad mit der Kraft der 10 Dynamos. Kurzzeitig überlegte ich, ob ich doch ganz scheinheilig den Samariter spielen sollte, um sie aus ihrer Not zu befreien. Der Stachel saß aber zu tief, ich genoss es einfach, dass sie noch 2 Kilometer strampeln durfte.
© by Warmann
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15 Antworten
Janinez  
ich denke jeder könnte da so eine Streich Geschichte erzählen, ich konnte mir das alles so richtig bildlich vorstellen.....danke.........

 

Herzlichen Dank für deine Geschichte. Musste herzhaft lachen.

 

Naja, wobei Fräulein Rausch ja eigentlich die Rache gar nicht verdient hatte. Bist ein böser Junge! tolle Geschichte,
(ich frage mich nur, warum man hier keine Daumen vergibt ... Meine 5 hast Du)

 

Wir hatten den Fiat 500 unserer Englischlehrerin hinten rechts auf ein paar Klinkersteine gestellt.
Da sie sich von links dem Fahrzeug näherte sah sie nix.Das Problem begann als sie Anfahren wollte,das rechte Rad drehte sich,das wegfahren verhinderte das Differetial.
Bis sie Vollgas gab und die Steine umfielen.Sie landete durch den Zaun im Garten des Hausmeisters.
Die Untersuchung hat nix ergeben da wir bei der Bergung ,hilfsbereit wie wir ja waren gleich die Klinker zurück an ihren Platz gelegt hatten.

 

Danke für die gut gemeinten Antworten,
heute kann ich auch lächeln. Frl. Rausch starb inzwischen, sonst hätte ich auch nicht die Geschichte veröffentlicht. Ihr noch lebender jüngste Bruder hat die Geschichte zuerst lesen dürfen und fand sie passend.
Grüße vom Daniel

 

Janinez  
ich denke das Frl. Rausch könnte heute genauso,wie wir darüber schmunzeln...............

 

OH MAN, wir hatten auch mal so eine Lehrerin, aber sie hieß .... Frl. Wohlgemuht..... Leider ist sie nach unseren Streichen 12 Km. verzogen

 

Janinez  
oh Schnurzi ihr habt bestimmt ganz schnell ein anderes Opfer gefunden.....

 

Wenn du den ellenlangen Text in Absätze gliederst, ist er leichter lesbar.

Ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht, was ich dazu sagen soll. Als Jugendliche haben wir alle wohl Dinge getan und uns wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Dazu zähle ich auch diese "Ruhmestat". 5 Daumen? Dafür, dass Halbstarke (ich liebe diesen Ausdruck, weil er genau ausdrückt, worum es geht!) sich an ältlichen Fräuleins reiben, weil ihnen der Mut gefehlt hat, sich echte Gegner zu suchen? Eigentlich sollte man den Mantel des Schweigens darüber bereiten. Du wirst deinen Grund haben, weshalb du es nicht tust.

 

Achtung, Gutmenschenalarm...

Es gibt anscheinend genug mittlerweile Erwachsene, welche bereits in ihrem jetzigen Stadium auf die Welt gekommen sind und sich nicht an den Gedanken der Jugendzeit Anderer erfreuen können, bzw. mit ihnen schwelgen können...

 

Janinez  
oh ja Kneippi - hast Du noch nie von Heiligen gehört ????????????????

 

Gehört schon, nur noch nie von ihnen geschriebenes gesehen... bin begeistert...

 

Janinez  
stimmt, hier vollzog sich soeben ein Wunder und wir haben es nicht gewürdigt.............

 

Hosianna!

 

Janinez  
Wenn Du jetzt sehen könntest, wie ich grinsend da sitze und der Heiligenname ist ja auch soo sehr passend...................

 

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