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22. Türchen im Adventkalender 2014

22.12.2014, 06:51
Janinez  


Mein unvergesslichstes Weihnachtsfest war als ich so ca. 7 -8 Jahre alt war. Wir waren schon seit gut 1 Woche wieder in Reichenbach bei Oberstdorf bei meinen Großeltern. Vor 2 Tagen hatte es so viel geschneit, daß der VW – Bus der Nachbarn verschwunden war und unser VW sowieso (suuuper wir können nicht mehr heim fahren….)Der 24. Dez. nahte und damit eine besondere Überraschung. Der Dorfpfarrer Johannes Schiebel – Entdecker der Breitachklamm – und auch Taufpate meines Vaters lebte am anderen Ende des damals ca. 10 Häuser/Höfe zählenden Dorfes und ich war fast täglich bei ihm in seiner Bücherei und durfte dort stundenlang in kuscheliger Wärme alle Bücher durchstöbern die dort zu finden waren. (Einige der Handschriften und wertvollen, sehr alten Bücher von 1700 hat er mir vermacht)
Am Abend des 23. Mußte ich schon um 5 Uhr ins Bett – Überraschung – Oma hat meinen gestrickten Pulli und die gestrickten Socken, sowie meinen Lodenmantel, Mütze und Handschuhe über die Trockenstange beim Herd gehängt – komisch…. Dann hat sie noch Brotzeit und eine Tonflasche für Tee hergerichtet – noch komischer…..jetzt im Winter konnte ich doch nicht so wie im Sommer mal schnell vor dem Frühstück auf´s Rubihorn klettern…..
Ob ich die Zwerge im Bergwald mit Opa besuchen darf und sehen, wie sie dem Christkind helfen? Trotz der beissenden Kälte (damals war ich noch abgehärteter) schlief ich schnell ein und war nicht mal sauer, weil meine jüngere Schwester aufbleiben durfte.
In der Früh um 4 Uhr hat mich Oma geweckt – sie hatte sogar meine gestrickte Unterwäsche vorgewärmt. Ich bekam warme Milch und Brot zum einbrocken und da klopfte es schon. Aufgeregt hab ich die Küchentür geöffnet (der einzige Zugang zum Haus, der freigeschaufelt wurde) und draußen stand die Pfarrersköchin. Ich wurde dick angezogen und Oma hat mir noch die Füße, Hände und das Gesicht ganz dick mit Schweineschmalz eingerieben – ich will gar nicht wissen, wie ich da ausgesehen hatte….. wir hatten gut 20 Grad Minus
Ich zog meine dicken handgenähten und ewig schweren Stiefel an und raus ging es in die Kälte – wo gleich die 1. Überraschung vor der Türe wartete. Der Bernhardiner vom Pfarrer Schiebel, der uns begleiten sollte. Maria nahm mich an der Hand und schritt gleich mal mächtig aus durchs Dorf, am Pfarrhaus vorbei über endlose im Mond- und Sternenlicht blau glitzernde Schneefelder. Orientiert haben wir uns am Mond und an den Bergen die ebenfalls ganz blau aussahen. Wir marschierten Richtung Höfats. Gut daß der Hund dabei war, er spurte, vor mir stapfte Maria und ich hinterdrein – der leichte Schnee ging mir oft bis zur Brust und immer wieder sanken wir doch plötzlich ein – heute wundere ich mich darüber, dass sich da nie jemand ein Bein gebrochen hat….
Gefroren hab ich auf jeden Fall nicht. Maria hat mit mir gesungen und immer wieder geredet, um die Kontrolle zu haben, dass ich auch auf dem Fuße folgte.
Dann kam nach gut 3 Stunden die Morgen - Dämmerung und wir konnten weit entfernt die ersten Höfe ausmachen. Dort angekommen klopfte Maria am ersten an und sofort wehte uns ein unvergesslicher Duft nach Weihnachten und Wärme entgegen. Als mir der Mantel ausgezogen wurde stellte ich fest, dass mein Atem auf dem Schal und dem Mantel Eiszapfen gebildet hatte. Das Schweineschmalz wurde mir abgerieben und die Bäuerin stellte uns gleich heiße Milch, Butter, Käse und Brot hin – ein reines Festessen.
Ich war etwas besorgt, denn um 10 Uhr sollte ich doch zur Messe – aber Maria meinte heute muss ich zu keiner Messe, der Besuch hier ersetzt die Messe. Ich fragte nicht weiter. Gleich nach dem Frühstück spielte ich mit den Bauerskindern und dann bekam jeder von uns einen wunderbaren Bratapfel aus dem alten Ofen. Dann mussten wir Weihnachtslieder singen und Gedichte aufsagen (hmm ich hatte den Vorteil des Stadtkindes – ich konnte mehr als die Dorfkinder….damals saßen dort alle Klassen in einem Raum und wurden gleichzeitig unterrichtet……)
Dann erklang ein Glöckchen und die Doppeltüre am hinteren Ende der riesigen Küche öffnete sich. Maria schob mich sanft vorwärts, der Hund ging neben mir (war auch außergewöhnlich, da bei den Bauern die Hunde nicht ins Haus durften) und dann sah ich ein Wunder……
Ein Raum – nach meiner heutigen Schätzung so ca. 5x4 m war zu einer Krippe umgebaut worden. Da gab es Berge und ganze Dörfer – sogar mit Licht (Kerzen, bzw. Öl- oder Petroleumlampen) Viele viele handgeschnitzte Figuren, Bäume, Werkzeug und die Krippe mit der Heiligen Familie. Ich war einfach nur stumm vor Staunen. Ich hatte so etwas gigantisch Schönes noch nie gesehen ( und die Bauern in dieser Gegend hatten alle schöne, selbst gemachte Krippen….)
Später habe ich erfahren, daß diese Krippe seit Generationen in diesem Raum immer wieder vergrößert wurde, jeder hat irgendetwas dazugemacht.
Es gab sogar einen Bach mit Wasserfall – mit echtem Wasser das sich richtig bewegte – für mich ein Wunder…….(später erfuhr ich, dass der Opa da unsichtbar, hinter einem Berg saß und mit einem Becher Wasser runterlaufen lies, was sich unter der Krippe in einer Wanne sammelte…. Ja so einfach wie heute war das damals nicht.)
Gleich nach dem Mittagessen, einer Milchsuppe und danach Käsespätzle mußten wir aufbrechen. Wieder wurde ich dick mit Schweineschmalz eingerieben, bekam noch einen Bratapfel mit und wir traten bei eisiger Kälte aber strahlendem Sonnenschein den Heimweg an. Die Richtung konnten wir nicht verfehlen, unsere Spur war gut sichtbar und auch das Rubihorn wies uns den Weg. Nach so 1/3 Weg konnte ich nicht mehr so schnell laufen, aber die Sonne war schon wieder weg und es setzte dichtes Schneetreiben ein, was ja in dieser einsamen Gegend nicht zu unterschätzen ist. Bald sahen wir die Hände nicht mehr vor den Augen, ich wurde immer langsamer. Da hob mich Maria auf den Hund, sagte ich soll mich gut festhalten und das Gesicht in sein Fell legen. Sie hielt sich am Schweif des Hundes fest.
Wir vertrauten auf Gott und den Hund.
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte aber es war schon dunkel als uns Stimmen erreichten und wir Laternen sahen – Der Pfarrer war unruhig geworden und hat nach der Messe die Bauern ausgeschickt uns zu suchen.
Ich wurde gar nicht ins Haus meiner Großeltern gebracht, sondern gleich im Pfarrhaus ausgezogen und mit Schnee abgerieben, in warme Decken gewickelt. Erst nach einiger Zeit, als ich wieder richtig durchblutet war durfte ich in Begleitung vom Pfarrer und einem Nachbarn die paar Meter zu meinen Großeltern gehen.
Dort angekommen musste ich mich ganz schnell umziehen, denn das Christkind war schon am Arbeiten.
Nachtrag: Der Hund des Pfarrers hat einige Menschen aus Lawinen gerettet und war mir immer ein treuer Begleiter bei meinen Alleingängen in den Bergen.
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Bewerten: Bewertung 3 Bewertungen
15 Antworten
Funny08  
Irgendwie blieben die Weihnachten so im Alter von 7-9 Jahren bei vielen die schönsten -

 

Woody  
Manno, was für eine schöne Geschichte. So lebhaft erzählt, dass ich es direkt geistig miterlebte. Muss ein Wahnsinnserlebnis für dich gewesen sein.

Hut ab, dass du trotz deines momentanen Gesundheitszustandes dieses Türchen gemacht hast

 

Bine  
Was für schöne Erinnerungen Janine . Hört sich richtig heimisch an und man möchte gerne dabei gewesen sein . Du hast eine sehr schöne Art zu erzählen .
Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen so einsam irgendwo im Bauchhohem Schnee zu laufen und sich nur an Mond und Sterne zu orientieren .
Mir hat deine Erinnerung sehr gut gefallen und könnte dir noch stunden zuhören oder lesen
Danke für dieses wunderschöne Türchen

 

Zitat von Funny08
Irgendwie blieben die Weihnachten so im Alter von 7-9 Jahren bei vielen die schönsten -
Yep... das war die Zeit an die man sich noch zurückerinnern kann und nix machen musste, außer warten

Schönes Türchen, Janinez

 

Ekaat  
Unterbewußt habe ich während des Lesens die ganze Zeit auf Luis Trenker gewartet
Schöne Story, Janinez!

 

Ganz herzlichen Dank, liebe Janinez. Eine wundervolle Geschichte! Danke!

 

Ekaat  
Denkt dran: Heute Kredit aufnehmen, weil die Zinsen so niedrig sind, weil der Tag so kurz ist. Im Sommer sind die Zinsen wieder höher, weil die Tage länger sind

 

Das hat Spaß gemacht und aufregend zu gleich, DANKE, aber was ist ein ,,,,,, Rubihorn ,,,,,, das mit den Schweinefett kenne ich auch noch, aber da hatte ich einmal ein Problem mit meiner Uroma, das Fett war ''''' RANZIG '''''' sie war ja schon an die 90. Heute Lacht man drüber.

 

Geändert von schnurzi (22.12.2014 um 16:48 Uhr)
Janinez  
@ Schnurzi - Rubihorn ist der Berg der direkt hinter unserm Haus aufragte
@ Ekaat - Luis Trenker war wie mein Großvater, oder mein Großvater wie er....beide sehr groß und sehr schlank mit absolut weißem welligem Haar und immer in den Bergen unterwegs, wenn es irgend ging und meist durfte ich mit - nur bei ganz gefährlichen Aufstiegen mußte ich auf halber Höhe warten bis Opa wieder zurück kam, oder er die Eisen geschlagen hatte. Über diese Zeit könnte ich ganze Bücher schreiben. Mein Großvater und der Pfarrer Schiebel waren ein richtiges Berggespann.

 

Woody  
Das ist aber ned wahr, dein Opa war Luis Trenker? Dann bist ja eh a halbate Österreicherin
(zumindestens gehörte damals Südtirol ja noch zur Österr-Ungar. Monarchie).

 

Zitat von Woody
Das ist aber ned wahr, dein Opa war Luis Trenker? Dann bist ja eh a halbate Österreicherin
(zumindestens gehörte damals Südtirol ja noch zur Österr-Ungar. Monarchie).
Woody, Sie ist eine SIE, ist vielleicht eine Gräfin !? und ich hab kein Frack mehr

 

Janinez  
he was ist denn da passiert, der halbe Text weg, ich bessert gleich mal aus.............sorry sorry

 

Woody  
Zitat von schnurzi
Woody, Sie ist eine SIE, ist vielleicht eine Gräfin !? und ich hab kein Frack mehr
äh wos schnurzi? *auf der Leitung steh*

 

Brutus  
Die schönsten Geschichten schreibt das Leben ;o)
Hexchen oder Geschichtenerzählerin, ein voll gelungenes Türchen ;o)

 

Danke für das träumerische Türchen, Janinez.

 

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